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Mai 01 2016

BRICS­-Staaten im Gegenwind

Der einstige globale Wachstumsmotor ist ins Stottern geraten

Die ökonomische und politische Grosswetterlage der BRICS­Gruppe verändert sich. Es wird stürmischer über dem bis anhin tiefblau prognostizierten Himmel der einsti­gen Wachstumsprimusstaaten. Warum es ratsam ist, nicht gleich auf jeden Beschaffungshype aufzuspringen.

Noch vor wenigen Jahren galten die damaligen vier BRIC­Staaten Brasi­lien, Russland, Indien und China als das neue globale Zentrum der Öko­nomie. Die Aussicht auf eine nicht versiegen wollende Wachstumsoa­se versetzte die Mehrzahl der Ex­perten weltweit in Verzückung. Doch die Ernüchterung setzte früher ein als viele für möglich gehalten hätten.

O’Neill und die Kristallkugel

Jim O’Neill, bis 2013 Chefökonom der US­amerikanischen Investment­bank Goldman Sachs, verwendete 2001 in einem Bericht zum ersten Mal das Kürzel BRIC. BRIC stand für Brasilien, Russland, Indien und Chi­na – und deckte damit die grössten Märkte innerhalb der Schwellenlän­der ab. O'Neill hat unter Ökonomen den Ruf, ein Kenner der Entwick­lungs­ und Schwellenländer zu sein. Er prognostizierte, dass die vier Länder gemeinsam bis 2050 die G7­ Staaten – die sieben bedeutendsten Industrienationen der Welt – in punc­to Wirtschaftskraft überholen. Durch die Aufnahme von Südafrika 2010 änderte sich zum einen der Name in BRICS – und der repräsen­tierte Anteil an der Weltbevölkerung stieg auf etwa 40 Prozent. Doch der einst vielgepriesene BRICS­Wirt­schaftsdampfer ist mittlerweile in arge Schieflage geraten.

Brasilien, Russland und Südafrika

Die seit Mitte 2014 fallenden Roh­stoffpreise haben auch in Brasilien Spuren hinterlassen. Wobei hier die Probleme tiefgründiger liegen. Die Wettbewerbsfähigkeit hat über die Jahre abgenommen. Unter anderem hervorgerufen durch die höchste Inflation seit 13 Jahren und den ent­sprechend schwächeren internatio­nalen Handel. Das hat neben einer Wirtschafts-­ auch eine tiefe politi­sche Krise ausgelöst. Der Rückhalt der Regierung Rousseff in der Be­völkerung schwindet zusehends, und die Protestbewegungen neh­men massiv zu.

Der gewaltige Korruptionsskandal von möglichen Zahlungen an Politi­ker bei Auftragsvergaben zeigt auf, dass die linke Arbeiterpartei, die seit 2003 regiert, die Korruption nicht er­folgreich bekämpfen konnte. Russland unter Putin verharrt wei­terhin in der Rezession. Vor allem aufgrund der kriegerischen Ausei­nandersetzungen – unter anderem mit der Ukraine – und den dadurch verhängten Sanktionen, die die «Be­wegungsfreiheit» des  flächenmäs­sig grössten Staates der Erde mas­siv einschränkt.
Auch das jüngste Mitglied der Grup­pe, Südafrika, lässt eher durch ne­gative statt positive Nachrichten aufhorchen. Das Land befindet sich seit der Fussball ­WM 2010 im per­manenten ökonomischen Sinkflug. Unter anderem wegen innenpoliti­schen Eskapaden, dem Einbruch der Rohstoffpreise sowie dem Nach­fragerückgang nach Rohstoffen vom grössten Handelspartner China.

Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika sehen stürmischen Zeiten entgegen.

Indien der schlummernde Riese

Dass Indien einen gewaltigen Nach­holbedarf hat und vor riesigen Her­ausforderungen bei der Bekämpfung der Armut sowie in der Bildungs-­ und Infrastrukturentwicklung steht, ist unbestritten. Knapp 70 Prozent al­ler Inder leben auch heute noch in ärmsten Verhältnissen auf dem Land und müssen mit weniger als zwei US­Dollar pro Kopf und Tag über die Runden kommen. Jährlich drängen 12 Millionen junge Menschen auf den Arbeitsmarkt, wo nur gerade 4,5 Millionen Ausbildungsangebote von meist eher geringer Qualität zur Verfügung stehen.
Die in jüngster Zeit trotz struktu­reller Mängel wieder gewonnene Dynamik der Wirtschaft, mit ei­nem Wachstum von annähernd 7,4 Prozent, positioniert das Land im Vergleich mit den anderen Gruppen­ mitgliedern besser. Zum Wachstum beigetragen hat vor allem der Dienst­leistungssektor mit mehr als 60 Pro­zent Anteil am BIP, wobei nur etwa 30 Prozent der beschäftigten Bevöl­kerung davon profitieren kann. Die Regierung Modi steht seit Mai 2014 für eine effizientere und wachstumsorientiertere Führung mit dem Credo «Make in India». Die lähmende Bü­rokratie, die riesigen Defizite im In­frastrukturbereich, das mangelnde Umwelt­ und Qualitätsbewusstsein sowie die teilweise Nichtbeachtung ethischer Grundsätze zeigen, dass Indien seine Hausaufgaben noch nicht gemacht hat.

Chinas «neue Normalität»

Die Volksrepublik gilt innerhalb der BRICS­Gruppe noch immer als stabiler Fels in der Brandung. Trotz weltweitem Wehklagen verzeich­net China nach wie vor beindru­ckende Wachstumsraten – 2015 waren es 6,9 Prozent – und gilt als Wachstumslokomotive innerhalb der Schwellen­ und Entwicklungsländer. Die aktuelle Situation darf nicht darü­ber hinwegtäuschen, dass das Land weitere Reformen umsetzen muss. Die Modernisierung der Produk­tionsstrukturen, der Abbau von Über­kapazitäten oder die Steigerung der Innovationsfähigkeit sind nur einige Themen, die weiterverfolgt werden müssen. Das Bestreben der Regie­rung, die ungleiche Verteilung des Einkommens zu verringern, indem die Löhne der Landbevölkerung und der Wanderarbeiter stetig erhöht werden, wird sich auf die Kostenent­wicklung des Landes auswirken.

Fazit

Die BRICS­Staaten als «sinkendes Schiff» zu bezeichnen wäre falsch. Nach wie vor sind partiell grosse Po­tenziale in einigen dieser (Beschaf­fungs­)Märkte auszumachen. Die zum Teil prekäre Lage der einzelnen Mitgliedstaaten erfordert vom Ein­kauf jedoch vermehrt, die jeweiligen Entwicklungen genaustens zu be­ obachten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur so können Trendszena­rien frühzeitig antizipiert und die glo­bale Beschaffungsstrategie darauf ausgerichtet werden.
Es ist ratsam, nicht gleich auf jeden neuen Beschaffungshype aufzu­springen. Vielmehr lohnt es sich, eine Beschaffungsstrategie mit längerfristigem Ansatz zu entwickeln, die über den Einkaufspreis hinaus­ geht und auch Kriterien wie Infra­struktur, politische Stabilität, Öff­nung eines Landes und das Angebot an Fachkräften mitberücksichtigt.

Autor: André Leutenegger
Veröffentlicht: Verein procure.ch
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